Auch 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Deportation von rund 15 Millionen Menschen wichtig. Der Opfer wurde beim 13. Hessischen Gedenktag und am diesjährigen Zentralen Tag der Heimat am vergangenen Sonntag im Schloss Biebrich gedacht. Rund 200 Gäste aus Landes- und Kommunalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft und den Vertriebenenverbänden nahmen an dem Festakt teil. Die Veranstaltung wurde vom Bund der Vertriebenen Landesverband Hessen (BdV-Landesverband Hessen) in Kooperation mit der Hessischen Staatskanzlei organisiert und durch das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz unterstützt.
Eröffnet wurde der Festakt vom BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann. Er sagte: „Der diesjährige Zentrale Tag der Heimat steht unter dem Leitwort: ‚Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa.‘ Dieses Leitwort verbindet Vergangenheit und Zukunft. Unser gemeinsames kulturelles Erbe, unsere Sprachen und unsere Traditionen kennen keine Grenzen. Sie können Brücken zwischen Menschen und Völkern bauen. Gerade in einer Zeit, in der Europa vor großen Herausforderungen steht, kommt dem persönlichen Austausch eine besondere Bedeutung zu.“
Ansprache zum Hessischen Gedenktag
Auch Prof. Dr. Roman Poseck, Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, hielt eine Ansprache. Darin erläuterte er die Bedeutung des Gedenktages und erinnerte zugleich an die Opfer von Flucht und Vertreibung. Zudem führte er aus: “Die deutschen Heimatvertriebenen haben nach dem Zweiten Weltkrieg Häuser gebaut, Betriebe gegründet, Vereine und Gemeinden mitgestaltet und Verantwortung in Politik, Kirche und Gesellschaft übernommen. Auch Aussiedler und Spätaussiedler haben in Hessen eine neue Heimat gefunden […]. Sie alle sind Teil unserer hessischen Geschichte und Identität. Dafür verdienen sie unseren bleibenden Dank und unsere Anerkennung.“
In diesem Jahr hielt die Festrede Patrik Schwarcz-Kiefer, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen (EPP) sowie Mitglied der Selbstverwaltung des Komitatsrates von Baranya in Ungarn und Vertreter der deutschen Minderheit in Ungarn. Er machte auf die Vertreibung der Deutschen in Ungarn aufmerksam: „Wie lange lebt Heimat weiter, wenn niemand mehr von ihr erzählt? Für die zweihunderttausend Vertriebenen aus Ungarn wurde Deutschland nach 1946 zur neuen Heimat. Auch Hessen wurde für viele von ihnen zu diesem neuen Zuhause.“
Zugleich zeigte Schwarcz-Kiefer auf, wie stark das kulturelle Erbe der Ungarndeutschen bis heute in Südungarn fortbesteht – etwa in Mundarten, Traditionen und kulinarischen Besonderheiten, wie der Stifolder Wurst. Zudem erzählt er, dass der 19. Januar in Ungarn der staatlich anerkannte Gedenktag für die Vertreibung der Ungarndeutschen ist.
Weitergabe der Erfahrungen an künftige Generationen
Das Schlusswort hielt Andreas Hofmeister (MdL), der hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler. Er unterstrich die Bedeutung des Gedenktages für die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Deportation sowie für die Weitergabe dieser Erfahrungen an kommende Generationen. Erinnerungskultur bleibe eine wichtige Aufgabe, um historische Erfahrungen zu bewahren und ihre Bedeutung für das Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft sichtbar zu machen. Das Land Hessen begleitet diese Arbeit gerne.
Im Schloss Biebrich waren zudem die Arbeiten des ersten hessischen Malwettbewerbs „Heimat aus junger Perspektive: Erinnern. Erzählen. Malen.“ ausgestellt, den der Landesbeauftragte Andreas Hofmeister in diesem Jahr ausgerufen hatte. Einige der jungen Künstlerinnen und Künstler, die sich mit der Geschichte und den Erinnerungen ihrer Familien auseinandergesetzt hatten, waren ebenfalls beim Festakt anwesend. Ihre Bilder machten auf besondere Weise sichtbar, wie junge Menschen sich mit Flucht, Vertreibung, Heimat und den eigenen familiären Wurzeln auseinandersetzen.
Empfang und Austausch im Schlosspark
Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Empfang im Schlosspark, der den Gästen die Möglichkeit zum Austausch bot. Der Zentrale Tag der Heimat machte deutlich, dass Erinnerung nicht allein auf die Vergangenheit gerichtet ist: Die Auseinandersetzung mit Flucht, Vertreibung und kulturellem Erbe eröffnet zugleich den Blick auf die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen und auf das gemeinsame kulturelle Erbe Europas.
Musikalisch umrahmt wurde der Gedenktag von den Siebenbürger Musikanten Rüsselsheim sowie dem Blechquintett und dem Streichquartett der Jungen Musik Hessen. Auf dem Programm standen unter anderem Werke von Friedrich Gernsheim und Fanny Hensel sowie „Yesterday“ von den Beatles. Mit „Szól a kakas már“ in einem Arrangement von Michel Rau wurde zudem ein Werk aufgeführt, das die musikalische Verbindung verschiedener kultureller Traditionen aufgriff.






