Mit einem eindrucksvollen Zeitzeugengespräch setzte der Bund der Vertriebenen Landesverband Hessen e. V. (BdV Hessen) am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, an der Obermayr Europa-Schule ein starkes Zeichen für gelebte Erinnerungskultur und demokratische Wertevermittlung. BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann, Rechtsanwalt und Notar a. D., berichtete den Schülerinnen und Schülern auf Einladung der Schule eindringlich von seiner Vertreibung aus dem Sudetenland – ein Beitrag, der gerade heute in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und schwindender Zeitzeugenschaft besondere Relevanz besitzt.
Siegbert Ortmann, 1940 in Wiesengrund im damaligen Sudetenland geboren, schilderte die dramatischen Ereignisse, die sein frühes Leben geprägt haben: die Zwangsräumung des Familienhauses, die Notunterkunft auf einem Dachboden, die Verschleppung seines Vaters durch tschechische Revolutionsgardisten sowie dessen Flucht aus dem berüchtigten Gefängnis „Bory“ in Pilsen. Ebenso sprach er über die „wilde Vertreibung“, die schließlich in der organisierten Deportation im Februar 1946 endete und in einem mühseligen Neubeginn in Lauterbach unter einfachsten Bedingungen mündete.
Der BdV Hessen unterstrich bei dem Besuch die Bedeutung lebendiger Erinnerungskultur, gerade für junge Menschen. „Zeitzeugen wie Siegbert Ortmann geben historischen Ereignissen ein Gesicht“, betonte BdV-Kulturreferentin Agnes Maria Brügging-Lazar. „Ihre Berichte machen begreifbar, wohin Nationalismus, Ausgrenzung und politische Radikalisierung führen können. Die Schilderungen stärken Empathie, demokratisches Bewusstsein und das Verständnis für ein friedliches Europa.“
Schulleiter Dr. Gerhard Obermayr und sein Stellvertreter Alexander Erk dankten Ortmann ausdrücklich für seine Offenheit und die bewegende Darstellung. Das Gespräch füge sich ideal in das europäische Profil der Schule ein: „Gerade in einer Zeit, in der Migration und geopolitische Spannungen erneut eine große Rolle spielen, brauchen junge Menschen authentische Stimmen aus der Geschichte“, sagte Dr. Gerhard Obermayr. Er erinnerte dabei an die Worte von Hessens einstigem Ministerpräsidenten und Vater des Hessentags Georg-August Zinn: „Hesse ist, wer Hesse sein will.
Die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrerinnen und Lehrer nutzten die Gelegenheit, zahlreiche Fragen zu stellen: zu historischen Hintergründen, zu persönlichen Erfahrungen mit Verlust, aber auch zu jener Kraft, die für einen Neubeginn notwendig ist. Viele äußerten Respekt und Dankbarkeit, eine solche Lebensgeschichte direkt erleben zu dürfen. Der BdV Hessen und die Obermayr Europa-Schule kündigten an, den Dialog über Erinnerungskultur und europäische Geschichte fortzusetzen und weitere Projekte gemeinsam zu realisieren.
Gerade in einer Zeit, in der Zeitzeugen immer weniger werden, gewinnt Erinnerungskultur an Bedeutung. Sie schützt vor Geschichtsvergessenheit, stärkt die demokratische Wertebildung und hilft jungen Menschen, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen besser einzuordnen. Die authentischen Berichte von Menschen wie Siegbert Ortmann machen sichtbar, welche Folgen Ausgrenzung, Hass und politische Radikalisierung haben und warum eine offene, vielfältige und solidarische Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Erinnerungskultur schafft Orientierung, stärkt Verantwortungsbewusstsein und hält lebendig, was nie wieder geschehen darf.
ZEITZEUGENGESPRÄCH ZUM TAG DER MENSCHENRECHTE
BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann gibt an der Obermayr Europa-Schule Einblicke in seine Erlebnisse von Heimatverlust und Neuanfang
BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann berichtet den Schülerinnen und Schülern eindringlich von seinen Vertreibungserlebnissen aus dem Sudetenland.
Gemeinsam für gelebte Erinnerungskultur (v. l. n. r.): BdV-Kulturreferentin Agnes Maria Brügging-Lazar, BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann, Schulleiter Dr. Gerhard Obermayr, Stellvertreter Alexander Erk und stellvertretende Schulleiterin Lore Brendel an der Europa-Schule Campus Erbenheim.




