Bensheim. Seit sich der Bensheimer Ortsverband des BdV (Bund der Vertriebenen) im Jahr 2019 neu aufgestellt hat, gehört die Europäische Tafelrunde zu den Höhepunkten im Veranstaltungsjahr des Ortsverbandes. Die vierte Veranstaltung dieser Art unterschied sich diesmal etwas von ihren Vorgängern, bei denen in der Regel Referenten aus den Vertriebenenverbänden mit ihren Vorträgen die Erinnerung an die einstigen deutschen Ostgebiete wachhielten. In diesem Jahr ging es um eine Persönlichkeit, die insbesondere in Schlesien wirkte und in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist: Fürstin Daisy von Pless-Hochberg. Im Juni 1873 in Großbritannien geboren, wurde sie durch ihre Heirat mit Hans Heinrich XV. von Pless zur Fürstin von Pless, Gräfin von Hochberg und Freifrau zu Fürstenstein. Die gebürtige Engländerin galt als die erste High-Society-Lady des europäischen Hochadels und als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. In Schlesien wurde sie aufgrund ihres caritativen Engagements und ihrer freundschaftlichen Beziehung zu Kaiser Wilhelm II. gerne als „schlesische Sissi” bezeichnet.
Über ihr spannendes Leben in einer Zeit mit zwei Weltkriegen plauderten die beiden Bensheimer Persönlichkeiten Carola Heimann und Ingeborg Deichmann auf unterhaltsame Art. Carola Heimann war Vorsitzende des Bensheimer Stadtparlaments und langjährige (heute Ehren-)Vorsitzende des Deutsch-Tschechischen Freundeskreises Bensheim-Hostinné. Seit ihrem politischen Ruhestand hält sie in Bensheim interessante Vorträge über historische Persönlichkeiten. Ingeborg Deichmann führte viele Jahrzehnte lang die Bensheimer Bücherstube und bereicherte die Plaudereien mit Zitaten aus den Memoiren und Briefen der Fürstin. Den Wechsel zu den einzelnen Lebensabschnitten begleitete Bertold Mäurer mit musikalischen Improvisationen auf seiner Gitarre. Zu Beginn der Tafelrunde hatte Brigitte Sattler, die Vorsitzende des BdV-Ortsverbandes Bensheim, die rund 60 Gäste des Abends begrüßt und insbesondere die Vorsitzenden beziehungsweise Vertreter der Vertriebenenverbände willkommen geheißen. Darunter auch den Vorsitzenden der schlesischen Landsmannschaft in Hessen, Albrecht Kauschat. Er hatte am Ende der Plaudereien über Daisy von Pless Gelegenheit, aus seiner familiären Geschichte zu berichten, die eng mit Schloss Fürstenstein verbunden ist. So war sein Großvater fürstlicher Beamter auf Fürstenstein und sein 1915 geborener Vater ist dort aufgewachsen und hat im See schwimmen gelernt. Allerdings ohne seinen Vater, da dieser zu dieser Zeit im Krieg war. In der Nazizeit, nach der Übernahme des Schlosses, gab es andere Pläne für das Schloss und alle Bediensteten sollten entlassen werden. Das verkraftete der Großvater von Kauschat nicht und erschoss sich zwei Tage vor der Entlassung mit einer Jagdwaffe auf Schloss Fürstenstein.
Leider war die Zeit der Tafelrunde schon sehr fortgeschritten. Erst mit einer Stunde Verspätung konnte mit dem Essen begonnen werden, was viele der vorwiegend älteren Gäste nach Hause trieb. So konnten einige die abschließende Überraschung der beiden BdV-Vorstandsmitglieder Gaby Kutzner und Gundula Kirsch-Wohlfarth, selbst hergestelltes Shortbread-Gebäck, nicht kosten. Es war eine Anlehnung an das Lieblingsgebäck von Daisy von Pless. Brigitte Sattler, die ihre Wurzeln im ostpreußischen Osterode (heute Ostróda) hat, nutzte ihre Begrüßung auch dazu, auf den nach wie vor gültigen Auftrag des Bundes der Vertriebenen hinzuweisen. Dies sei auch beim im September begangenen Zentralen Tag der Heimat im Wiesbadener Schloss Biebrich mit dem Leitwort „80 Jahre: Erinnern – Bewahren – Gedenken“ bekräftigt worden.
High-Society-Lady und Wohltäterin
Ihre Ehe mit Fürst Hans Heinrich empfand Daisy von Pless nicht als Liebesheirat, sondern als Pflichterfüllung. Zum einen gegenüber ihrer Familie: Ihr Vater, der britische Parlamentarier, Grundbesitzer und Offizier William Cornwallis West, gab das Geld gerne aus, sodass das Landgut und das Haus am Eaton Place finanziert werden mussten. Zum anderen gegenüber ihrem Ehemann, dessen Familie bis zum Ersten Weltkrieg zu den reichsten in Preußen gehörte. Er wollte mit ihr nicht nur glänzen, sondern vor allem einen Erben haben. Doch das funktionierte lange nicht, denn es dauerte fast zehn Jahre, bis ihr erster von drei Söhnen, Hans Heinrich, zur Welt kam. Das ließ der Fürst sie auch spüren. „Jede verdammte Stute wird ohne Probleme trächtig, nur du nicht“, heißt es in ihren Memoiren. Probleme hatte sie auch mit dem fürstlichen Leben. Durch die strenge Etikette des Hauses und den Prunk fühlte sie sich gelangweilt und erdrückt. Eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielten eine sieben Meter lange Perlenkette, die ihr ihr Mann auf der Hochzeitsreise an den Nil geschenkt hatte, sowie fünf Araber, die sie nach einem Indien-Besuch vom Maharadscha zum Abschied geschenkt bekam. Der Verkauf einzelner Perlen sowie die erfolgreiche Teilnahme der Araber an Turnieren ermöglichten ihre Charity-Arbeit, die von ihrem Mann nicht unterstützt wurde. Denn durch ihren Stallknecht auf dem schlesischen Schloss Fürstenstein lernte sie die Armut in den Bergarbeiter-Vierteln kennen. Nach einem Grubenunglück unterstützte sie die hinterbliebenen Familien. Mit Unterstützung der Kaiserin und eines Ärzteteams erreichte sie, dass der stinkende und Krankheiten fördernde Bach im Bergarbeiter-Viertel verdolt wurde. Sie gründete auch Spitzenschulen, die den Frauen der Bergarbeiter eine Ausbildung ermöglichten und ihnen den direkten Verkauf ihrer Klöppelarbeiten an die Geschäfte erlaubten.
Mit ihrem Eintritt in den europäischen Hochadel lernte sie auch Kaiser Wilhelm II. kennen, den sie nach eigenen Worten „von Anfang an mochte”. Die Berliner Gesellschaft empfand sie dagegen als stumpfsinnig und langweilig. Vor allem störte sie sich an der immer gleichen Sitzordnung bei Empfängen: „Haben die Deutschen nicht gelernt, die Gesellschaft zu mischen?“ Nach der Geburt von zwei weiteren Söhnen, Alexander (1905) und Balko (1910), wurde Daisy von Pless zunehmend selbstbewusster. Sie machte sich große Sorgen wegen des sich anbahnenden Ersten Weltkriegs. Sie schrieb an den Kaiser und räumte ein, dass sie Fehler auf beiden Seiten sehe. Sie bat den Kaiser, nicht zu stolz zu sein, um ihrem Land (England) die Hand zu reichen. In einem Brief an ihre Schwester aus dem Jahr 1909 beklagte sie sich darüber, dass ihr Mann ihr eine Reise nach England, das nun zum Feind geworden war, nicht mehr erlaubte. Gleichzeitig schrieb sie, dass sie das eigene Geld als große Freiheit und Verantwortung empfinde und nicht mehr nach den Regeln ihres Mannes leben müsse.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschwerte ihr Leben als Engländerin in Deutschland und sie war ständigen politischen Anfeindungen ausgesetzt. In Berlin ließ sie sich zur Rotkreuz-Schwester ausbilden und erfuhr dort von einem englischen Kriegsgefangenenlager bei Potsdam. Als sie mit den Angehörigen der Gefangenen Kontakt aufnahm, brachte ihr das den Vorwurf der Spionage ein. Sie stiftete einen Lazarettzug, der 260 Verwundete aufnehmen konnte, und er wurde zu ihrem Lebensinhalt. Nach einem Aufenthalt in Garmisch-Partenkirchen, wo sie sich sehr wohlfühlte („Man glaubt nicht, dass Bayern Deutsche sind“), kehrte sie im Februar 1918 nach Schloss Fürstenstein zurück, da der Kaiser angekündigt hatte, sie besuchen zu wollen. In einem persönlichen Fazit schreibt sie in ihren Memoiren, dass sie im Leben angekommen sei und gelernt habe, zu kämpfen. Ihre Ehe ist jedoch zerrüttet und im November 1919 reicht sie in Garmisch die Scheidung ein. Diese wird erst drei Jahre später mit einer Vermögensabfindung rechtskräftig.
Durch die Inflation verlor das Geld jedoch an Wert, sodass sie nach einigen Jahren in Südfrankreich und in München aus Kostengründen zurück nach Waldenburg ins Schloss Fürstenstein zog. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie unter anderem durch den Erlös ihrer Memoiren. Aufgrund ihrer MS-Erkrankung ging es auch gesundheitlich mit ihr bergab. Nach der Enteignung des gesamten Besitzes der Familie von Pless musste sie 1940 aus dem Schloss ausziehen, das zum neuen Führerhauptquartier ausgebaut werden sollte. 1943 starb Daisy von Pless verarmt und wurde allein in Waldenburg beerdigt. Ihr dritter Sohn Bolko war bereits 1936 in Pless verstorben und ihr Ehemann, der die Nationalsozialisten unterstützt hatte, starb 1938 im Alter von 77 Jahren. Ihr ältester Sohn Hans Heinrich starb im Januar 1984 in London und ihr Bruder Alexander im Februar 1984 auf Mallorca.
Der Sarg von Daisy von Pless verschwand vor dem Einmarsch der Roten Armee an einen bis heute unbekannten Ort. Nach wie vor wird die Fürstin in Waldenburg (Walbrzych) aber sehr verehrt. Anlässlich ihres 80. Todestages und des 150. Jahrestages ihrer Geburt wurde das Jahr 2023 vom dortigen Stadtrat zum „Jahr der Fürstin Daisy von Pless” erklärt. Auch in Pszczyna, dem heutigen Pless, wurde ein ähnlicher Beschluss gefasst. Bereits im Jahr 2009 wurde auf dem Marktplatz von Pszczyna ein Denkmal in Form einer gewundenen Gartenbank mit der Figur der sitzenden Adligen enthüllt.


