Wie fühlt es sich an, die eigene Heimat zu verlieren und in einer neuen Umgebung ein Leben aufzubauen? Mit dieser und weiteren Fragen setzten sich Schülerinnen und Schüler des Hessischen Sonderlehrgangs zum Erwerb der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung der Ludwig-Geißler-Schule Hanau bei einer Tagesexkursion am 1. September zum Freilichtmuseum Hessenpark auseinander. Der Bund der Vertriebenen Landesverband Hessen (BdV-Landesverband Hessen) hatte den Besuch gemeinsam mit der Schule organisiert, um jungen Menschen die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Integration nach dem Zweiten Weltkrieg anschaulich zu vermitteln.
An der Exkursion nahmen rund 40 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 12 und 13 des Sonderlehrgangs, sowie fünf Lehrkräfte und der stellvertretende Schulleiter und Abteilungsleiter der Schulform Benjamin Schlögel teil. Im Mittelpunkt standen die Dauerausstellung „Vertriebene in Hessen. Ankunft und Integration nach 1945“ und die theaterpädagogische Schauspielführung „Entwurzelt“. Beide Angebote vermittelten unterschiedliche Perspektiven auf die Folgen von Flucht und Vertreibung.
Begleitet wurde die Gruppe von Dr. Olga Martens, stellvertretende Vorsitzende und Presse- und Öffentlichkeitsbeauftragte des BdV-Landesverbandes Hessen, Jolanta Lemm, Geschäftsführerin des BdV-Landesverbandes Hessen, Dr. Kai Lemler von der Stabsstelle des Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler des Landes Hessen sowie Ulrike von Bothmer, Kuratorin im Hessenpark.
Zwischen Heimatverlust und Neuanfang
Kuratorin Ulrike von Bothmer führte durch die Ausstellung „Vertriebene in Hessen“, die anhand persönlicher Lebensgeschichten und historischer Exponate die Aufnahme von rund einer Million Heimatvertriebener in Hessen veranschaulicht. Thematisiert werden dabei auch die vielfach erzwungenen Umsiedlungen aus Ost- und Südosteuropa sowie die Herausforderungen des Neuanfangs und der Beitrag der Vertriebenen zur kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Hessens.
In der theaterpädagogischen Schauspielführung „Entwurzelt“ mit Katharina Hruschka begegneten die Schülerinnen und Schüler historischen Einzelschicksalen, darunter die Geschichte einer Vertriebenen aus dem Sudetenland. Die Führung thematisierte dabei auf spannende und emotionale Weise Fragen von Heimatverlust, Identität, Integration und gesellschaftlichem Zusammenleben.
Geschichte mit aktuellen Fragen verbinden
„Geschichte wird besonders dann erlebbar, wenn junge Menschen einen persönlichen Bezug zu den Themen entwickeln können“, sagt Dr. Olga Martens vom BdV-Landesverband Hessen. „Der Besuch im Hessenpark hat gezeigt, wie sich historische Erfahrungen mit aktuellen Fragen verbinden lassen und warum Erinnerungskultur auch für die jüngere Generation wichtig ist.“
Gerade für die Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Geißler-Schule bot die Exkursion Anknüpfungspunkte an eigene Familien- und Lebenserfahrungen. Der zweijährige Sonderlehrgang zum Erwerb der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung richtet sich an Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie Migrantinnen und Migranten mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus, deren im Herkunftsland erworbene Hochschulzugangsberechtigung nicht automatisch zu einem Studium in Deutschland berechtigt. Die Auseinandersetzung mit historischen Flucht- und Vertreibungserfahrungen eröffnete damit auch einen Blick auf heutige Fragen von Migration, Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Die Exkursion ist Teil der Bildungsarbeit des BdV-Landesverbandes Hessen zur Vermittlung der Geschichte von Flucht, Vertreibung und Integration und leistet einen Beitrag zur Erinnerungskultur und historisch-politischen Bildung in Hessen. Sie wurde gemeinsam mit dem Freilichtmuseum Hessenpark umgesetzt und durch das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz gefördert.






