Im katholischen Bistum Mainz kamen nach 1945 mehr als 160.000 Heimatvertriebene an. Sie waren aus Schlesien, dem Sudetenland, Ostpreußen und anderen ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten vertrieben worden. Für die Menschen, die ihre Heimat im Osten verloren hatten, bedeutete dies, eine neue Umgebung, ein neues Zuhause anzunehmen, erlittenes Leid, schlimme Traumatisierungen zu verkraften, oft unverstanden zu sein und neu anfangen zu müssen.
Nach der Vertreibung war die Seelsorge für die entwurzelten Christen nicht leicht. Mit ihnen kamen auch ihre religiösen Traditionen, etwa eine ausgeprägte Marienverehrung, sowie zahlreiche Priester in die Gemeinden der Diözese. Man brauchte eine kirchliche Gemeinschaft, um besser mit dem Schicksal fertig zu werden. Diese Gemeinschaft boten die Vertriebenenwallfahrten. Besonders Vertriebene aus dem Sudetenland wählten 1947 die Gnadenstätte Maria Einsiedel mit der „Böhmischen Madonna“ zu ihrem Wallfahrtsort, um ihre Sorgen und Ängste der Gottesmutter anzuvertrauen und sich dabei Beistand und Hilfe in ihren Anliegen zu erhoffen.
In der Anfangszeit waren die Wallfahrten für die Vertriebenen eine gute Möglichkeit, sich mit Verwandten und Freunden aus der Heimat zu treffen. Es entwickelten sich regelrecht landsmannschaftliche Zusammenkünfte. Die Kirche war für viele zu einem Ort der Hoffnung geworden in einer Zeit, in der die Hoffnungslosigkeit überhandzunehmen drohte. Eine Zeitung berichtet am 25. Juli 1949 von fast 3.000 Menschen, die den Weg nach Maria Einsiedel in den Lindendom gegangen seien. Fast doppelt so viele sollen es gewesen sein, als Otto von Habsburg eine Ansprache hielt. In jener Zeit stand auf den Einladungsplakaten noch „Flüchtlingswallfahrt“.
Diözesan-Vertriebenenseelsorger Prälat Dr. Karl Reiß, selbst in Altzedlisch in Böhmen geboren, setzte sich unermüdlich für die Heimatvertriebenen ein. Es war eines seiner „Erkennungszeichen“, dass er bei jeder Eröffnung der Wallfahrten vom „Kaiserwetter“ sprach, das der liebe Gott geschickt habe. Und wenn es tatsächlich einmal regnete, hatte er auch dafür das passende Wort: „Macht euch nichts draus, es regnet auf die Kartoffeln, die wachsen gut bei dem Wetter.“ Die Predigten waren trostspendend, aufklärend, bisweilen aufrüttelnd und ebenso versöhnlich. Nachfolger wurde 1985 der 2015 verstorbene Dr. Wolfgang Stingl. Inzwischen, mehr als 80 Jahre nach Krieg und Vertreibung, gibt es das Amt des Diözesan-Vertriebenenseelsorgers nicht mehr.
„Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Zu dir, zu dir, o Vater, komm' ich in Freud' und Leiden, Du sendest ja die Freuden, Du heilest jeden Schmerz.“ Was Franz Schubert und Johann Philipp Neumann in ihrem Musikwerk „Gesänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe“ ersannen, passt so sehr auf das Schicksal der Heimatvertriebenen. Der Text findet sich auch auf dem Friedhofskreuz aus dem nordböhmischen Leitmeritz. Es wurde 2001 beim Außenaltar errichtet und erinnert an das Schicksal der Vertreibung. Diesen Gedanken greift auch das Hochkreuz westlich der Gnadenkapelle auf, das seit 1974 zum Gedenken der Opfer der Kriege, der Vertreibung und der Gewalt auffordert.
Einige Jahre lang wurden jährlich sogar zwei Wallfahrten der Heimatvertriebenen nach Maria Einsiedel angeboten. Daher wurde 2025 die 90. begangen. Für viele Angehörige der Erlebnisgeneration waren die Wallfahrten Ausdruck des Vertrauens auf Gottes Begleitung, für die nachfolgenden Generationen ein wertvolles Stück kirchlicher und regionaler Erinnerungskultur. Doch die demografische Entwicklung zeigt Spuren: Aufgrund des zurückgehenden Besuchs der Erlebnisgeneration an der Heimatvertriebenen-Wallfahrt hat sich der Bund der Vertriebenen entschlossen, künftig diese Wallfahrt gemeinsam mit der „Großen Wallfahrt“ der Gernsheimer Pfarrei zu begehen.
So trat nun das ein, dass die Heimatvertriebenen der Erlebnis- und der Bekenntnisgeneration mit den Pilgerinnen und Pilgern der Großen Gernsheimer Wallfahrt am ersten Juli-Wochenende zum ersten Mal seit 1946, dem Jahr ihrer Ankunft im südhessischen Ried, diesen Wallfahrtstag zur „Böhmischen Madonna“ mit dem aus Gernsheim stammenden Zelebranten und Festprediger Professor Dr. Martin Klose und den Ortspriestern Clemens Wunderle und Maximilian Eichler bei „Kaiserwetter“ unter dem Einsiedler „Lindendom“ begingen.
Anstelle des bisherigen Liedes „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mit drücken“, dem für die Heimatvertriebenen so lieb gewordenen Lied aus der Schubert-Messe, das so treffend zum Schicksal der Heimatvertriebenen passt und das alte Friedhofskreuz aus dem nordböhmischen Leitmeritz am Außenaltar ziert, sang man gemeinsam mit der ganzen Pilgerschar das Wallfahrtslied zur Muttergottes von Maria Einsiedel: „Wer zu dir kommt, spürt neuen Halt, der vielen so fehlt, weil heut in dieser rauen Zeit das Schwache kaum noch zählt“.
Autor: Helmut Brandl



