Am 1. November fand im Haus der Heimat das Erzählcafé „Zwischenräume“ statt, ein Begegnungsformat, das Menschen verschiedener Generationen miteinander ins Gespräch bringt. Im Mittelpunkt des Nachmittags stand der Programmpunkt „Geschichten aus dem Koffer“, bei dem Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Erfahrungen als Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler berichteten. Die Erzählungen zeigten eindrucksvoll, wie vielfältig die Wege nach Deutschland waren und wie eng persönliche Biografien mit großen historischen Bewegungen verknüpft sind. Die Rednerin und Redner – drei Heimatvertriebene und eine Spätaussiedlerin – schilderten, wie ihre Zugehörigkeit, ihre Fluchterfahrungen und ihr Neubeginn in Wiesbaden und Hessen ihre Biografien prägten.
Arina Wagner, die als Kind spätausgesiedelt wurde, sprach über ihren Neubeginn und darüber, wie sie nach der Rückkehr ihrer Familie aus Kasachstan und Russland in Deutschland aufgenommen wurde: „Man kommt mit acht Jahren, versteht die Sprache kaum, kann sich nicht richtig beteiligen – das macht etwas mit einem.“ Erst im Rückblick sei ihr bewusst geworden, wie prägend diese Erfahrung des Dazwischen gewesen sei. Sie beschrieb den Aufbruch ihrer Familie aus Moskau in den 1990er-Jahren als Herausforderung und Abenteuer zugleich: „[D]er Gedanke, ein neues Land kennenzulernen, war spannend. Ich habe das als Chance gesehen.“
Auch für andere Redner wie Manfred Laubmeyer, der mit einem Kriegsschiff aus Pommern zunächst nach Kopenhagen in Dänemark gelangte, war die Flucht in seiner kindlichen Wahrnehmung zunächst abenteuerlich. Junge Erwachsene und vor allem Frauen litten hingegen unter dem Verlust ihrer Existenzgrundlage, unter den körperlichen und seelischen Strapazen sowie unter der Verfolgung und Unterdrückung durch die sowjetische Besatzungsmacht. Dieter Schetat, der Vorsitzende der Wiesbadener Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen, widmete seine Erzählung deshalb dem hunderttausendfach unausgesprochenen Leid vertriebener Frauen, die Vergewaltigungen, Hunger und Not erdulden mussten. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde bewusst, dass Neubeginne in Deutschland unweigerlich eine Frage nach Herkunft mit sich brachten und immer noch bringen, als sie den Erzählungen von Herrn Roßdeutscher und Frau Wagner gegenüberstanden. Herr Roßdeutscher kam als Flüchtlingskind in schwierige Verhältnisse nach Wiesbaden, hatte Probleme in der Schule und wurde von der einheimischen Bevölkerung nicht akzeptiert. Auch Frau Wagner, die erst in den 1990er Jahren von Russland nach Deutschland auswanderte, berichtete von der inneren Zerrissenheit des Dazwischen-Seins. Als Deutsche in Russland und Russin in Deutschland.
Nichtsdestotrotz lebt sie mit ihrer Familie die kulturelle Vielfalt und ist stolz auf die bilinguale und multiethnische Erziehung. In der Anpassungsfähigkeit, in zwei Kulturen aufzuwachsen und zu leben, sehen sie trotz der Mühen auch große Vorteile wie etwa die Zweisprachigkeit selbst. Im Mittelpunkt des Erzählcafés standen Orte des Erinnerns und Ankommens. Im Haus der Heimat konnten Besucherinnen und Besucher den Lebensgeschichten der Erlebnisgeneration zuhören und Bezüge zur Gegenwart herstellen. Wie Dieter Schetat selbst abschließend beteuerte, ist das Ziel dieses Austauschs der Ausbau und die Wahrung des Friedens in unserer Gesellschaft und Europa - wie es bereits in der Charta der Heimatvertriebenen 1950 festgehalten wurde.





