Tag der Heimat 2017 beim BdV-Kreisverband Wetzlar

Integration erreicht ohne „Wir schaffen das!“ - 300 Heimatvertriebene erinnern an Unrecht vor 70 Jahren

(Genehmigte Veröffentlichung durch die Wetzlarer Neue Zeitung vom 04.10.17)

 

 

Wetzlar-Büblingshausen (lr). 300 Vertriebene und ihre Gäste haben im Bürgersaal in Büblingshausen den „Tag der Heimat“ begangen. Dabei beklagte der ehemalige ZDF Wetterexperte Dr. Wolfgang Thüne (Mainz), dass es der Völkergemeinschaft in Europa bis heute nicht gelungen sei, Frieden zu schaffen, in der das Unrecht an den Heimatvertriebenen anerkannt wird. Auch 70 Jahre nach der Vertreibung seien sie weiterhin Heimatvertriebene und Entrechtete. Der in Rastenburg/Ostpreußen geborene Thüne ist Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV) und Landesvorsitzender der Ostpreußen von Rheinlandpfalz. Der BdV ist der Dachverband der deutschen Vertriebenenverbände. Er vertritt die Interessen der von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung betroffenen Deutschen. Thüne erinnerte daran, dass die Heimatvertriebenen schon 1950 in einer Charta auf Rache und Vergeltung verzichtet haben. In dieser Charta hätten die Vertriebenen das Versprechen gegeben sich beim Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands einzusetzen. Mit ihrer Kraft hätten sie sich daran beteiligt und zum Wirtschaftswunder beigetragen. Der Tag der Heimat steht in diesem Jahr unter dem Motto „Identität schützen – Menschenrechte achten“. In diesem Zusammenhang setzte sich Thüne kritisch mit der Politk der Bundesregierung auseinander. Das Asylrecht sei ein Individualrecht. Es könne nicht sein, dass ein ganzes Volk Asyl genieße, wenn dort Krieg herrscht. Die Integration als Deutsche unter Deutschen habe man selbst geschafft, ohne Aufforderung der Bundesrepublik, ohne ein „Wir schaffen das!“. Der Kreisvorsitzende des BdV, Manfred Hüber (Leun), erinnerte daran, dass vor 75 Jahren nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion die dort beheimateten Russlanddeutschen größtenteils nach Sibirien und Kasachstan verschleppt wurden. Seit 66 Jahren würden die Vertriebenen am „Tag der Heimat“ der Opfer der Vertreibung und des Leides gedenken, das diese hervorgerufen hat. Hüber sagte zum Motto „Identität schützen“, dass die vielen unterschiedlichen Bräuche, die tief in den jeweiligen Heimatgebieten verwurzelt seien und in den Familien auch heute noch gepflegt werden, dem christlichen Glauben entstammten. Bräuche und eigene Vorstellungen machten einen großen Teil der persönlichen Identität aus. Christliche Werte seien Grundlage der kulturellen, europäischen Identität. Eine moderne Menschenrechtspolitik müsse die vielfältigen Identitätsmerkmale schützen. Hüber vetrat die Ansicht, dass ein großer Teil der Menschheit aus der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa nichts gelernt habe. Dies machte er daran fest, dass es heute 60 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge weltweit gibt. Die heimatvertriebenen und geflüchteten Deutschen hätten große Empathie mit den heutigen Betroffenen und wünschen dass dieses unmenschliche Geschehen endlich für immer sein Ende finde. Bei einem Totengedenken erinnerte Kuno Kutz (Hüttenberg) vom BdV-Vorstand daran, dass 1946 mehr als 142.000 Deutsche das Gebiet der Tschechischen Republik verlassen mussten. Davon kamen 422.700 Personen nach Hessen. Insgesamt seien 14,5 Millionen Deutsche nach dem Ende des Krieges einem unbeschreiblichen Leidensweg von Vertreibung, Enteignung und grausamem Massaker ausgesetzt gewesen. Dabei kamen zwei Millionen Menschen ums Leben. Dieser Toten gelte das Gedenken an diesem Tag der Heimat. Zugleich erinnerte Kutz an die , die durch deutsche Schuld ihr Leben lassen mussten. Hüber konnte als Gastgeber zahlreiche Politiker aus CDU, FDP, SPD und Bündnis90/Die Grünen begrüßen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer sagte, die „Beneš-Dekrete“ der tschechischen Republik müssten im Sinne eines vereinigten Europas endlich zu einem Ende gebracht werden. Die auf den einstigen Präsidenten der Republik Edvard Beneš zurückgehenden Gesetze manifestierten die Enteignung und Vertreibung der Deutschen. „Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, die Vertreibungen waren Unrecht“, so Irmer. Er ist auch Vorsitzender des Landtags-Unterausschusses für Heimatvertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler und Wiedergutmachung. Der Hauptamtliche Kreisbeigeordnete Stephan Aurand (SPD) dankte den Heimatvertriebenen, die viel für den Wiederaufbau Deutschlands geleistet hätten. Damals kamen 46.000 Menschen aus den deutschen Ostgebieten in die Region. Aurand wies zugleich auf die aktuelle Situation hin. Derzeit habe der Kreis 4000 Geflüchtete aufgenommen. Dabei setze der Lahn-Dill-Kreis auf die dezentrale Unterbringung. Stadtrat Karlheinz Kräuter sprach für die Stadt Wetzlar. Dabei dankte er für die gute Zusammenarbeit mit den Vertriebenen. Kräuter bedauerte, dass die Vertreibung bei jungen Menschen kaum bekannt sei. Dieser Teil der deutschen Geschichte müsse weiter aufgearbeitet werden und nicht in Vergessenheit geraten. Der Stadtrat ermunterte die Vertriebenen den Tag der Heimat deshalb auch in Zukunft weiterzuführen. Der „Tag der Heimat“ wurde von musikalische und tänzerische Beiträge mitgestaltet. So haben die Wetzlarer Musiksenioren unter Leitung von Edmund Beppler die Veranstaltung mit „Grüß Gott, ihr Freunde“ eröffnet. Die Singegemeinschaft Union-Chor Wetzlar 1873 und Sängerchor 1908 Lahngruß Wetzlar sangen unter der Leitung von Helga Semper Lieder wie „Glocken der Heimat“ und „Ännchen von Tharau“. Der Chor der Landsmannschaft Egerland Solms-Oberndorf (Leitung Helga Semper) kamen in schmucken Trachten auf die Bühne und sang Lieder aus der Heimat in Egerländer Mundart . Ebenfalls in Tracht tanzten die Mitglieder des Egerländer Volkstanzkreises unter der Leitung der Vorsitzenden der Egerländer Gmoi Herborn Gerlinde Kegel über die Bühne.